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25.01.2021

aus: Wildcat 43, Januar 1988

»Vor 50 Jahren hatte die Arbeiterklasse noch klare Parolen, heute ist das nicht mehr so«

Vom Frühjahr bis Sommer '87 spielte sich in der baskischen Stadt Vitoria ein Kampf ab, der bezeichnend ist für die aktuelle Situation der Klasse in Spanien (und in vielen Aspekten nicht nur für Spanien). Arbeiter des dortigen Mercedes-Werkes hatten einen Streik begonnen gegen die Einführung von MTM (MTM = Method Time Measure ist ein System zur Zeitmessung, bei dem die Arbeitsabläufe in einzelne Mikrobewegungen zerlegt und somit die für einen Arbeitsschritt »benötigte« Zeit »wissenschaftlich« errechnet und gegen die Arbeiter durchgesetzt wird). Die Einführung von MTM ist dabei nur eine der in der Fabrik stattfindenden Veränderungen: seit einiger Zeit ist Mercedes dabei, im Zuge der seit Spaniens EG-Beitritt vorangetriebenen Restrukturierung die Produktion seiner spanischen Werke umzuorganisieren.

Auch für den Klassenkampf ist Vitoria in mancher Hinsicht ein Bezugspunkt und typisch. Einer der Genossen drückte das im Interview so aus: »Vitoria ist eine Stadt, die bis zur zweiten Hälfte der 70er Jahre fast nur aus zwei Betrieben bestanden hat. Dann hat eine wahnsinnige Entwicklung stattgefunden. Die 76er Kämpfe waren die Ouvertüre des Klassenbewußtseins in der Stadt. Die Provinz von Vitoria war die "Kornkammer" des Baskenlandes gewesen, Vitoria selber hatte in den 50er Jahren 50000 Einwohner. In den 60ern begann die Industrialisierung mit dem industriellen »Überschuß« der beiden nördlichen Provinzen. Die Arbeiterklasse kam aus der Landwirtschaft und durch Zuwanderung. 1976 war das Aufblühen des Klassenkampfs, die Explosion, es war ein schöner Prozeß, der uns alle geprägt hat.« Bei J. Lang (Das baskische Labyrinth, Ffm 1983) heißt es: »Die Arbeiterschaft Vitorias stand seit dem 9.1.1976 im Kampf um höhere Löhne und eine kürzere Arbeitszeit. Die Führung der Streikbewegungen lag in der Coordinadora Obrera de Vitoria, die sich zusammensetzte aus Vertretern der Fabrikkomitees und -kommissionen. Die stärkste organisatorische Rolle spielten die Mitglieder der rätekommunistischen OIC. (...) Da alle Teilstreiks, Umzüge und Verhandlungen nichts fruchteten, entschlossen sich die Betriebsversammlungen, auf den 3.3. den Generalstreik auszurufen. Während des Vormittags fanden überall Versammlungen und kleinere Demonstrationen statt. Um fünf Uhr abends war in und um die Kathedrale eine Großkundgebung angekündigt. Die Polizei versuchte, die Massenveranstaltung aufzulösen und warf in die von 5000 Personen vollbesetzte Kathedrale Tränengasbomben und besetzte die Eingangstüren. (...) In dem daraus erwachsenden Tumult erschoß die Polizei fünf Arbeiter und verletzte 100 weitere Demonstranten.«

Das Werk in Vitoria war in den 50er Jahren als DKW entstanden, seit '76 war es Mercedes Benz mit mehrheitlicher Beteiligung des spanischen Staates und seit 1980 als Mercedes Espana mit 70 Prozent Beteiligung der Daimler Benz AG. Während seit Anfang der 80er die Arbeitsbedingungen schon ständig verschärft wurden, begann das Kapital in den letzten zwei Jahren, die Mehrwertproduktion auf eine neue Grundlage zu stellen: massive Investitionen, Einführung neuer Anlagen und Technologien, klare Arbeitsteilung unter den vier spanischen Mercedes-Werken mit insgesamt 3500 Beschäftigten: die Datenverarbeitung wird jetzt zentral in Madrid erledigt (600 Beschäftigte), das Ersatzteillager in Guadalajara (300), die Motoren werden nur noch in Barcelona gebaut (1000), Vitoria (1600) wurde zu einem Montagewerk. Gleichzeitig damit begann das Management, die Belegschaft durch Frühverrentung und (befristete) Neueinstellung zu verjüngen. In Vitoria wurde die Belegschaft in den letzten Jahren um 600 Arbeiter redHeute ist es uns klar: Sie haben die Situation geschaffen, in der sie die Maschinen erneuern und den Eintritt in die EG vorbereiten konnten. Sobald Spanien in die EG eingetreten war, fingen sie an zu investieren, Roboter zu installieren, neue Technologien einzuführen usw.uziert, 300 junge Arbeiter wurden mit Zeitverträgen eingestellt. Nach kapitalistischen Kriterien war das dringend nötig geworden: das bisherige Durchschnittsalter lag bei 48 Jahren!

Ausgangspunkt des Streiks im letzten Frühjahr war ein Konflikt in der Montagehalle: ein Arbeiter hatte sich geweigert, die mit MTM »ausgerechnete« Zeit zu akzeptieren. Als er daraufhin von der Geschäftsleitung mit zehn Tagen Lohnabzug bestraft wurde, kam es zur Solidarisierung der ganzen Abteilung. Von dort aus weitete sich der Streik binnen kurzem auf die gesamte Fabrik aus. Drei Tage lang war die Fabrik lahmgelegt. Die Reaktion kam prompt: Nachdem die Gewerkschaften UGT und Comisiones Obreras Aufrufe gegen den Streik losgelassen und zum Boykott der Streikversammlung aufgerufen hatten, verschickte die Betriebsleitung an die 331 Arbeiter, die weiter streikten, Drohbriefe. Zwei Wochen später, am 14. Mai kam dann der Schlag: drei Arbeiter werden als Rädelsführer entlassen, gegen die anderen, die weitergestreikt hatten, wird auf Disziplinarmaßnahmen verzichtet. Die drei Rausgeschmissenen sind (nicht nur) der Geschäftsleitung seit dem großen zehnwöchigen Streik vom Frühjahr 1976 bekannt. Schon damals waren sie unter den Aktivsten, schon damals waren sie nach dem Streik fünf Monate im Knast.

Die Antwort der Arbeiter auf die Entlassungen war ein abermaliger Streik vom 18. Mai an, der allerdings nur vom »harten Drittel« der Belegschaft getragen wurde: 330 von insgesamt 1000 Produktionsarbeitern. Von jetzt an wiederholten sich jeden Morgen die gleichen Szenen: Vor der Frühschicht versammeln sich die Streikposten am Tor. Begleitet von einem militärischen Aufgebot (40 Polizeiwannen) erscheinen kurz darauf 14 Autobusse mit den Streikbrechern. Wenn die Streikposten das Tor blockieren oder die Busse angreifen, kommt es zu harten Auseinandersetzungen. Sogar die UGT-Gewerkschaft hat Schlägertrupps gegen die Streikposten organisiert.

Der Streik war innerhalb der Fabrik minoritär, wurde aber von außerhalb recht breit unterstützt: Arbeitergruppen aus anderen Betrieben, Mitglieder von Arbeitslosenversammlungen, Anti-NATO- und Anti-AKW-Komitees, politische Gruppen der Linken usw. Von Arbeitern anderer spanischer Autofabriken (Mercedes Benz Barcelona, SEAT-Volkswagen, Talbot Madrid, Pegaso, Fasa-Renault, Ford, General Motors) sowie von den Daimler-Werken in Bremen, Hamburg und Untertürkheim trafen Solidaritätserklärungen ein. Letztendlich konnte diese breite Solidarität aber nicht die fehlende Breite in der Fabrik selbst ersetzen.

Am 29.5. traten zwei der Entlassenen und ein Mitglied der Arbeitslosenversammlung in einen Hungerstreik, den sie 32 Tage durchhielten. Durch diese Aktion sollte die Mobilisierung aufrechterhalten werden. Am 1.6. beschloß die Streikversammlung, den Streik abzubrechen, er war immer weiter abgebröckelt und viele Streikende hatten erklärt, daß sie nicht mehr lange durchhalten könnten. Am 11.7. fällte das Arbeitsgericht sein Urteil: die Entlassungen seien unrechtmäßig. Als die drei am nächsten Tag wieder zur Arbeit gehen wollen, werden sie vom Werkschutz nicht in die Fabrik gelassen. Bis heute wird ihnen der Lohn weitergezahlt, aber sie dürfen das Betriebsgelände nicht mehr betreten.


Kleine Chronologie des Kampfs 1987:

27.-30.4.1987: Spontaner Streik gegen die Einführung von MTM 14.5. Entlassung von drei Arbeitern 18.5. Beginn des Solidaritätsstreiks 21.5. Morgens gehen vom Fabriktor mehrere Demozüge in verschiedene Stadtteile los, um über den Streik zu infor mieren. Abends findet im Stadtzentrum eine zentrale Demo statt, an der sich 2500 Menschen beteiligen. (Während des Streiks gab es insgesamt sechs Demos.)

22.5. Das Auto des Betriebsleiters wird bei seiner morgendlichen Einfahrt in die Fabrik von Streikposten demoliert.

29.5. Beginn des Hungerstreiks

1.6. Ende des Solidaritätsstreiks

11.6. Eine Gruppe von 150 Mercedes-Arbeitern stürmt eine Außenstelle von Mercedes, wo 30 Händlern aus ganz Spanien das neue Transporter-Modell vorgeführt werden sollte. Sieben PKWs von Managern und zehn Transporter werden demoliert, einige Händler in die Flucht geschlagen; die Vorführung muß abgesagtwerden.

17.6. Bombenanschlag auf eine Mercedes-Niederlassung in Vitoria, zu dem sich die Gruppe Iraultza (Revolution), eine Art Fabrikguerilla, bekennt.

20.6. Demonstration mit Beteiligung von Arbeitern aus Barcelona, Valencia, Zaragoza, Tarragona und Madrid.

29.6. Verhandlung vorm Arbeitsgericht. Demo mit 3000 Menschen. Solidaritätsstreik im Werk von Michelin. Der Hungerstreik wird nach 32 Tagen abgebrochen.

11.7. Urteil des Arbeitsgerichts: Die Entlassungen sind unzulässig, Mercedes wird zur Weiterbeschäftigung verpflichtet. Als die drei Entlassenen am nächsten Morgen wieder zur Arbeit gehen wollen, läßt sie der Werkschutz nicht in die Fabrik. Die Begründung dafür ist, daß Mercedes in die Berufung gegangen sei. Bis heute wird ihnen der Lohn weitergezahlt, aber sie dürfen das Betriebsgelände nicht betreten.


Zwei der drei waren Ende 1987 zusammen mit einem Genossen aus einer anderen Fabrik in Vitoria auf einer Rundreise in der BRD, um üHeute ist es uns klar: Sie haben die Situation geschaffen, in der sie die Maschinen erneuern und den Eintritt in die EG vorbereiten konnten. Sobald Spanien in die EG eingetreten war, fingen sie an zu investieren, Roboter zu installieren, neue Technologien einzuführen usw.ber ihre Erfahrungen zu diskutieren und neue Impulse zu kriegen, wie es mit dem Klassenkampf in der Perspektive weitergehen könne. Ende November haben wir mit ihnen ein Interview gemacht, das wir im folgenden gekürzt wiedergeben. Am Rande des Interviews fragten wir nach Erfahrungen in anderen Arbeitskämpfen. Dabei stellte sich heraus, daß einer der Genossen eine zwar keineswegs repräsentative Lebensgeschichte hat, die wir aber weiter unten dokumentieren, da sie hinweist auf grenzüberschreitende Diskussionen und Arbeiterkämpfe.

Interview Ende November 1987 in Westberlin

A.: Ich glaube, wir sollten ein bißchen geschichtlich vorgehen. Der Kampf 1976 war sehr wichtig, März 1976 ist der Bezugspunkt aller Arbeiter von Vitoria. Der Streik ging von den fünf großen Betrieben aus, es war ein Kampf um Tarifforderungen. Er began im Januar, die Arbeiterviertel in der Peripherie haben sich auch beteiligt. Das ganze war ein Sieg von allen , die ganze Stadt hat sich am Kampf beteiligt, auch die Frauen. Überhaupt gab es in den Jahren unmittelbar nach dem Frankismus eine Welle von Streiks. Auf der einen Seite standen die neu entstandenen Parteien und Gewerkschaften, die versuchten, durch die Demokratisierung die Streiks zu kanalisieren und in ihrem Sinne auszunutzen. Auf der anderen Seite gab es eben diese großen Streiks und Kämpfe antikapitalistischen und antiimperialistischen Inhalts. Mit dem Fall der vertikalen Gewerkschaft und im Übergang zur Demokratie entstand in der Arbeiterklasse eine sehr wichtige autonome Bewegung, die auf Versammlungen beruhte mit auf bestimmte Zeit gewählten Vertretungen, wo es keinerlei hierarchische Struktur gab.

»In der Arbeiterklasse entstand 1976 eine autonome Bewegung, die auf Versammlungen beruhte«

B.: Als wir im März 1976 nach zweieinhalb Monaten Streik in die Fabrik zurückgegangen sind, waren immer noch einige im Knast. Und da haben wir gesagt: So lange Leute von uns im Knast sitzen, wird hier gestreikt. Die Geschäftsleitung hat gedroht und gesagt, sie hätten ja nichts damit zu tun, das wäre Sache der Regierung, die wären angeklagt wegen Aufruhr, sie würden sie wieder einstellen. Wir haben aber gesagt, so lange die noch im Knast sind, streiken wir jeden Montag. Fünf Monate lang haben wir das gemacht und ständig Versammlungen und Treffen abgehalten. Es gab auch eine Versammlung aller am Streik beteiligten Fabriken, denn das war nicht nur eine Sache von Mercedes, sHeute ist es uns klar: Sie haben die Situation geschaffen, in der sie die Maschinen erneuern und den Eintritt in die EG vorbereiten konnten. Sobald Spanien in die EG eingetreten war, fingen sie an zu investieren, Roboter zu installieren, neue Technologien einzuführen usw.ondern von ganz Vitoria. Schließlich hat sich dann die Situation normalisiert. Die Genossen wurden in den Ferien aus dem Knast entlassen und fingen wieder an zu arbeiten.

A.: Mich haben sie dann in eine Verbannungsabteilung fünf Kilometer vom Werk entfernt gesteckt; ein Pavillon, in dem wir manchmal zu viert, manchmal zu fünft waren. Dort haben wir Kleinteile, Spezialteile für die Kleintransporter produziert. Ein Jahr lang mußte ich Druck machen, bis sie mich überhaupt wieder zu den Arbeiterversammlungen gehen ließen, das war ja fünf Kilometer entfernt. Die anderen haben mich dann immer abgeholt, und wir sind zusammen zu den Versammlungen gegangen.

»die Gewerkschaften sagten: wilde Streiks gehören in die Zeit des Faschismus...«

B.: Ich will eine typische Anekdote erzählen. Die Firma hatte Angst, das konntest du sehen am Verhalten der Chefs und der Meister. Es war eine lustige Sache, als sie 1978 den Prämienlohn einführen wollten, es war nicht so, daß die Firma befohlen hat und die Arbeiter hätten das dann gemacht. Die Arbeiter haben die Erhöhung der Produktion nicht akzeptiert und haben weiterhin ihre Versammlungen abgehalten und Arbeitsniederlegungen gemacht. Der Personalchef wußte sich nicht anders zu helfen, als dadurch, daß er zusätzliche Versammlungen einberufen hat, um den Arbeitern zu erklären, die Produktion solle erhöht werden, ob sie was dagegen hätten, er möchte ihre Meinung hören. Das wurde dann nicht eingeführt und trotzdem wurden wir ein halbes Jahr lang dafür bezahlt, 6000 Peseten pro Monat. Die FiHeute ist es uns klar: Sie haben die Situation geschaffen, in der sie die Maschinen erneuern und den Eintritt in die EG vorbereiten konnten. Sobald Spanien in die EG eingetreten war, fingen sie an zu investieren, Roboter zu installieren, neue Technologien einzuführen usw.rma hat praktisch die Methoden der Arbeiter ausgeweitet, und das hatte nichts Bedrohliches oder Sanktionierendes an sich, sondern im Gegenteil. Und schließlich war der Personalchef derjenige, der die meisten Versammlungen abgehalten hat.

»... jetzt gehören wir zu Europa, also Schluß damit!«

A.: Die Auseinandersetzung zwischen der Versammlungsbewegung und den demokratischen Gewerkschaften dauerte lange Zeit. Ein sehr wichtiger Teil der Arbeiterbewegung, besonders auch bei Mercedes Benz, folgte lange Jahre diesen Erfahrungen und dieser Organisationsform. Aber gleichzeitig begannen die Gewerkschaften sich auszubreiten und Leute aufzunehmen. Am Anfang stellten sich alle Gewerkschaften als Vertreter der Arbeiter und Verteidiger der Arbeiterversammlungen dar. Aber ihr wirkliches Ziel war, Mitglieder zu werben, um dann mit ihren Mitgliedern ihren eigenen Weg zu verfolgen. Und mit der Zeit wurde die starke Versammlungsbewegung immer schwächer. Es war eben keine so tiefgehende Erfahrung bei den Arbeitern, und dazu kam diese ideologische Bombardierung durch Parteien und Gewerkschaften, die sagten, es muß alles so funktionieren wie in Europa. Und so verlor die Versammlungsbewegung nach und nach an Kraft, so daß wir heute nur noch eine minoritäre Gruppe sind.

B.: Mercedes zahlte sowieso schon mit die höchsten Löhne von Vitoria, die stiegen aber in den kommenden Jahren immer weiter an, ohne daß sich die Arbeiter bewegt hätten. Das fiel zeitlich zusammen mit der Stabilisierung der Gewerkschaften, von der UGT wurden Kommissionen und Verhandler eingesetzt, bis man schließlich zu einer Situation kam, die im Lauf der Jahre immer merkwürdiger wurde. Es gab einen Kampf zwischen zwei Vorstellungen von gewerkschaftlicher Arbeit: auf der einen Seite die Gewerkschaften, die sagten es geht um Vertretung und Verhandlung, aber nicht um Kampf, Kämpfe und wilde Streiks gehören in die Zeit des Faschismus, jetzt gehören wir zu Europa, also Schluß damit; auf der anderen Seite gerieten wir mit unseren Vorstellungen immer mehr in die Minderheitenposition.

A.: In all den Jahren hat diese Gruppe von 100, 200 Arbeitern einen anderen interessanten Prozeß durchgemacht. Als wir die Enttäuschung und die Spaltung durch die Gewerkschaften gesehen und gemerkt haben, daß wir nichts mehr erreichen konnten, daß durch die Existenz dieser demokratischen Gewerkschaften die Arbeiterklasse immer mehr zurückweichen mußte – wir hatten das überhaupt nicht erwartet – konzentrierte sich unsere Beteiligung an den Kämpfen nicht wie bisher auf die Fabrik sondern außerhalb. Zum Beispiel der Antirepressionskampf im Baskenland oder der Anti-AKW-Kampf in Lemoniz oder wenn jemand zu Tode gefoltert wurde: Wir reagierten auf alle politischen Aufrufe von aHeute ist es uns klar: Sie haben die Situation geschaffen, in der sie die Maschinen erneuern und den Eintritt in die EG vorbereiten konnten. Sobald Spanien in die EG eingetreten war, fingen sie an zu investieren, Roboter zu installieren, neue Technologien einzuführen usw.ußerhalb der Fabrik. Die Geschäftsleitung tolerierte dies über Jahre hinaus.
Aber zur gleichen Zeit begannen sie mit der Umstrukturierung der Fabrik, der Einführung von neuen Technologien. Sie investierten in zwei, drei Jahren mehr als 25 Mrd. Peseten . Als erstes wurde die Lackiererei erneuert und eine ganz neue Abteilung mit Kataphorese-Tauchlackierung aufgebaut, was sehr modern ist und vorher überhaupt nicht existierte. Bei den in Vitoria produzierten Transportern war das Hauptproblem die Lackierung, und da haben sie eben diese merkwürdige Kataphorese eingeführt. Die Lackiererei war aber nur der Anfang, danach kam der Rohbau, dann kam die EDV-Abteilung an die Reihe. Im ersten Schritt wurden die einzelnen Sachen an bestimmten Punkten zentralisiert: Das Ersatzteillager zum Beispiel wurde von Vitoria nach Zentralspanien verlegt, nach Guadalajara. Die Datenverarbeitung wurde in Madrid konzentriert. In Vitoria blieb nur die Montage, auch die Motoren werden nun in Barcelona gemacht. Die meisten Verbesserungen wurden in Vitoria vorgenommen, wohin auch die Hauptinvestitionen gingen.

B.: Diese ganzen Investitionen wurden unter dem Schutz eines Gesetzes gemacht, das den Unternehmen hilft, indem es sie als »in Krise« erklärt <ähnlich der Kurzarbeit in der BRD>. Auch Mercedes war vor diesen Erneuerungen »in Krise«: zwei, drei Jahre lang arbeiteten wir nur drei Tage die Woche, montags, dienstags und mittwochs, der Rest war frei. Die Arbeitstage bekamen wir vom Unternehmen bezahlt, die anderen Tage vom Staat. Andererseits mußte das Unternehmen mit der Annahme des Umstrukturierungsplans auch Investitionen tätigen und der Verwaltung einen Plan vorschlagen, wie sich die Produktion in den nächsten Jahren entwickeln würde. Dafür bekamen sie dann Beihilfen, mit denen sie die neuen Anlagen bezahlen konnten.

A.: Als die Umstrukturierung anfing, kapierten wir noch nicht, wohin das alles führen würde. Einige Jahre lang hatten sie den Eindruck erweckt, als ob die Fabrik schließen würde, und das setzte sich im Bewußtsein fest. Die Anlagen waren veraltet, die Entwicklung des neuen Modells verzögerte sich um zehn Jahre, sie fingen an mit Frühverrentungen mit 58, den Rest bezahlte der Staat. Und so sah es in ganz Spanien aus, die Krise war überall: sowohl im Stahlbereich als auch bei den Werften, Metallindustrie, Autoindustrie, praktisch in allen Sektoren. So änderte sich die Situation, einmal durch das Verhalten der Gewerkschaften andererseits aber durch die Arbeiter selbst, die sahen, daß überall Fabriken schlossen und Angst bekamen, daß Errungenschaften zurückgenommen werden konnten, daß Lohnreduzierungen durchgesetzt werden konnten, bei Mercedes zum Beispiel kamen wir zu keinem einzigen Angriff mehr.

B.: Heute ist es uns klar: Sie haben die Situation geschaffen, in der sie die Maschinen erneuern und den Eintritt in die EG vorbereiten konnten. Sobald Spanien in die EG eingetreten war, fingen sie an zu investieren, Roboter zu installieren, neue Technologien einzuführen usw. Wir waren in Kurzarbeit geschickt worden mit der Rechtfertigung, daß 4000 Transporter auf Halde lagen und wir deshalb nicht mehr produzieren könnten – und plötzlich verschwanden die 4000 Transporter, die ganze Halde, alle Probleme lösten sich, und es fing eine wahnsinnige Produktion an. Dies begann alles mit dem Eintritt in die EG.

A.: Die Umwandlung des Kapitalismus ist allgemein in Europa, aber in Spanien ist die Umstrukturierung aufgrund der Rückständigkeit schärfer. Vor drei, vier Jahren begannen die Umstrukturierungen in verschiedenen Schiffbau- und Stahlunternehmen. Die Folge war ein starker Anstieg der Arbeitslosigkeit. Die Arbeiter hatten keine Strukturen, um sich dagegen zu wehren. In Ländern, wo die Arbeitslosen etwas mehr Geld kriegen, werden die Folgen solcher Umstrukturierungsprozesse mehr abgefedert. Die Umstrukturierung in Spanien war traumatischer; vor drei oder vier Jahren stellte man fest, daß so und so viele Tausend Arbeiter zu viel waren. Da wurden mehrere Formen erfunden, um diese Tausende freizusetzen, Umschulungsmaßnahmen, langfristige Lohnfortzahlung u.a. Das alles lief drei Jahre und begann dann von neuem, eine neue Umstrukturierung war nötig. Wieder gab es überflüssige Leute, der Prozeß wiederholt und verschärft sich. Ich habe den Eindruck, daß das Kapital den gleichen Prozeß in Westeuropa sanfter gehandhabt hat. Die Arbeiter sind in diesem Prozeß gefangen, sie haben erstmal an den Verhandlungsspielraum der Gewerkschaften geglaubt und konnten nicht mehr reagieren, als die zweite und dritte Welle kam. Mit dem Beitritt zur EG kamen die Multis rein, sie monopolisieren ganze Sektoren der Produktion und stellen fest, daß noch mehr Umstrukturierungen nötig sind. Die setzen die Bedingungen. Also gab es ein doppeltes Trauma für uns.

»Als vor drei, vier Jahren die Umstrukturierung begann, hatten die Arbeiter keine Strukturen, um sich dagegen zu wehren«

Der entscheidende Angriff auf Euch kam dann aber im Frühjahr '87 mit der Einführung von MTM. Haben die Arbeiter das akzeptiert, daß von einem Tag auf den anderen plötzlich die Produktion erhöht wurde? Von wem ging der Widerstand aus?

A.: Als mit dem Eintritt in die EG die Produktion erhöht worden war, hatte die Mehrheit der Arbeiter sogar mit Freude und verstärkter Kollaboration mit der Unternehmensleitung reagiert. Denn endlich gab es viel Arbeit und Zukunft. Vorher war immer die Gefahr in der Luft gelegen, daß die Fabrik schließen könnte, und plötzlich gab es enorme Perspektiven. Bei der Einführung von MTM kapierten am Anfang die meisten, daß sie darauf reagieren mußten, daß das alle betrifft. So gab es eine Reaktion, als die ersten Sanktionen verhängt wurden gegen einen Kollegen, der sich den neuen Zeiten widersetzt hatte. Diese Aktion war spontan, der Streik ging von der Abteilung dieses Kollegen, der Montageabteilung, aus und dauerte drei Tage. Er war nicht geplant.

Und dort gab es die meisten Rebellen?

B.: Ja, und zwar deshalb, weil es die härteste ist. Dort wurde am stärksten MTM eingeführt, dort gibt es natürlich auch mehr Ärger. Dort gibt es sehr wenig Maschinenzeit, vieles ist manuell, und das Band zwingt den Arbeitern sehr stark den Rhythmus auf. Die Antwort war also spontan, und diese Abteilung zog alle anderen mit. In diesen drei Tagen wurde praktisch alles lahmgelegt.

A.: Als die Unternehmensleitung diese Entwicklung sah, benutzte sie die Gewerkschaft, die UGT, um dem Kampf einen Schlag zu versetzen, um ihn zu beenden. Daraufhin setzte sich die UGT in einer Versammlung von den Arbeitern ab, damit war die Belegschaft gespalten, nur 331 Arbeiter streikten weiter.

B: Diese Geschichte war ein Reflex der Auseinandersetzung zwischen der Gewerkschaft und unserer minoritären Gruppe. Zum Beispiel der Forderungskatalog der Gewerkschaften war immer an den Erfordernissen des Unternehmens ausgerichtet, und immer hieß es: die Produktion ausweiten, ausweiten, ausweiten ... Zum Beispiel als wir nur drei Tage arbeiteten, gab es trotzdem Leute, die Überstunden machen mußten, in meiner Abteilung war bereits die Modernisierung im Gange und da war es so. Es war ein Widerspruch, daß wir einerseits Geld vom Staat bekamen und andererseits Überstunden machen sollten. Aber über dieses Thema konnte man mit der Gewerkschaft nicht diskutieren, das waren 'Erfordernisse der Produktion'. Bezüglich der Überstunden haben wir immer gesagt, wir haben drei Millionen Arbeitslose, es hat keinen Sinn, daß Leute Überstunden machen. Es gab viele Söhne von Arbeitern in der Gegend, Heute ist es uns klar: Sie haben die Situation geschaffen, in der sie die Maschinen erneuern und den Eintritt in die EG vorbereiten konnten. Sobald Spanien in die EG eingetreten war, fingen sie an zu investieren, Roboter zu installieren, neue Technologien einzuführen usw.die arbeitslos waren und das logischste wäre doch, daß die Leute, die arbeitslos sind, Arbeit bekommen, auch wenn es keine acht Stunden sind, und wir weniger arbeiten.

»Wir haben beschlossen, uns der Mehrheit nicht zu unterwerfen«

Gestern habt ihr gesagt, daß der Kampf auch deswegen so schwierig war, weil es unheimlich viel Polizei gab, und die Leute, die an die Arbeit zurückgekehrt sind, haben das auch akzeptiert – das war ja sehr brutal.

B.: Das war eine sehr harte Erfahrung, denn wir waren es nicht gewohnt, als Minderheit einen so harten Streik gegen eine Mehrheit durchzukämpfen, weil uns die Demokratie das Gehirn zerfressen hat, weil wir denken, Demokratie ist das, was die Mehrheit macht. Wir haben beschlossen, uns der Mehrheit nicht zu unterwerfen, denn wir wissen schon seit langem, daß die Mehrheit Verräter und Umfaller sind. Wir haben stattdessen daran festgehalten: die Entlassung eines Genossen ist ungerecht und wir verteidigen ihn, basta.
Der Kampf hat uns sehr viel gekostet, weil er eben minoritär war und die Situation sehr stark eskalierte, es gab sehr viel Polizei. Im Grund ging es um das Problem der Legalität, schließlich hat sich in all den Jahren sowohl auf politischer wie Gewerkschaftsebene die Idee des Parlamentarismus im Bewußtsein der Arbeiter durchgesetzt, und das war die Arbeit der Gewerkschaften. Als weiterer entscheidender Punkt ist der der Gewalt aufgetaucht, in dem Sinn, daß das System das gewalttätigste ist, das es gibt; aber wir können nicht mit Gewalt antworten, denn das nennen sie dann Terrorismus. Was aber Staat, Unternehmer und Gewerkschaften machen, ist keine Gewalt, das ist Demokratie. Das waren die wichtigsten Themen der Auseinandersetzungen auf den Versammlungen. Das hat die Arbeiter viel gekostet, daß sie sich diese Sichtweise aufzwingen ließen. 15 Tage Kampf waren kein ökonomisches Problem, sondern ein Problem des Bewußtseins, nach und nach haben die meisten die Arbeit wieder aufgenommen.

Ihr habt gesagt, daß es leichter war, von außen Unterstützung zu bekommen als in der Fabrik selber?

A.: Ja, ich glaube, die Sache ist innerhalb der Fabrik baden gegangen. Die Unterstützung von außen kam von bewußten Abteilungen von Minderheiten in anderen Fabriken, diese kleinen Minderheiten, die in jeder Fabrik bleiben. Sowie von anderen Sektoren aus der Gesellschaft, Frauen, Studenten und andere Kollektive. Insofern hat unser Kampf das Fabrikproblem transzendiert.

Welche Rolle spielen die Zeitvertragler?

B: Die Zeitvertragler sind eine ganz neue Sache. Der Staat zahlt einen Teil der Entschädigungen für die Frührentner, dafür wurden dann 300 Zeitvertragler eingestellt. Zunächst haben sie diese 300 gebraucht, ich denke aber, das werden noch mehr werden, weil sie in drei Schichten arbeiten wollen.

In welchen Schichten wird denn bisher gearbeitet?

B: Bis zum letzten Jahr arbeiteten wir in der Produktion nur vormittags, von 6 bis 14 Uhr, seit diesem Jahr wird in zwei Schichten gearbeitet, von 6 bis 14 und von 14 bis 22 Uhr. Jetzt wollen sie wohl noch eine Nachtschicht von 22 bis 6 Uhr machen, das heißt, die Bänder würden 24 Stunden laufen.

Wie war die Arbeit bisher organisiert und wie wird sie jetzt organisiert?

A.: Die Transporter werden am Fließband montiert. Außerdem gibt es einige Abteilungen, die das vorbereiten: Mechanische Abteilung, Stanzerei, Polsterei und andere, das sind keine Fließbandabteilungen.

B: Die Sitze für die Transporter, die Bodenmatten für die Innenverkleidung, die Bearbeitung der mechanischen Teile, die Härtung, die Stanzerei, Teilemontage – all das wurde früher in Vitoria gemacht und ist jetzt ausgelagert. Jetzt bleibt nur noch die Montage am Fließband und die Stanzerei, sonst nichts. Für die Tischlerarbeiten hat man jetzt Firmen gefunden, die auf Kontraktbasis arbeiten. Die Härtung wurde zum Teil nach Barcelona verlagert, zum Teil an andere Firmen abgegeben. So haben sie die Produktion an andere kleine Firmen oder Werkstätten verstreut, die das billiger machen, denn ich stelle mir vor, daß die dort lächerlich niedrige Löhne zahlen. Die Polsterei haben sie nach Burgos verlegt aus dem Baskenland heraus. In der Fabrik selber geht die Tendenz dahin, nur noHeute ist es uns klar: Sie haben die Situation geschaffen, in der sie die Maschinen erneuern und den Eintritt in die EG vorbereiten konnten. Sobald Spanien in die EG eingetreten war, fingen sie an zu investieren, Roboter zu installieren, neue Technologien einzuführen usw.ch die Montageabteilung dazulassen.

»Wir brauchen neue Organisationsformen...«

Bedeutet das also, wenn man jetzt die Produktion angreifen will, braucht man ein ganzes Netz für den Kampf? Oder ist das unmöglich geworden? Wißt ihr, wo genau die ausgelagerte Produktion abläuft?

A.: Fast alle Unternehmen wenden dieselbe Taktik an. Das heißt, sie spezialisieren sich auf die Herstellung eines Produkts (in diesem Fall den kleinen Transporter) und alle Zuliefererarbeiten werden an Auftragsunternehmen ausgelagert. Dort arbeiten Leute mit befristeten Verträgen, mit Löhnen, die die Hälfte vom Mutterbetrieb betragen; das kommt für die Unternehmen weit billiger. Außerdem wird es zunehmend schwieriger, die Arbeiter zu mobilisieren und die Produktion lahmzulegen. Die Arbeitsbedingungen in diesen Unternehmen sind tierisch, es gibt jede Menge Überstunden, keine sozialen und vertraglichen Absicherungen wie Altersprämien usw. Im Hintergrund steht die hohe Arbeitslosigkeit, die als Druckmittel funktioniert (in Vitoria gibt es bei 100.000 Einwohnern 20.000 Arbeitslose). Das ist die Unternehmertaktik.

Auf der anderen Seite fahren auch die Großunternehmen immer mehr Überstunden – auch gegen das Gesetz, das höchstens 80 Überstunden pro Arbeiter und Jahr erlaubt. Jetzt kommen sie sogar mit Samstags- und Sonntagsarbeit. Mercedes zum Beispiel hat beantragt, daß Samstag für die gesamte Belegschaft zum Normalarbeitstag werden soll. Manche Abteilungen sollen sogar sonntags durcharbeiten. Und die Leute gehen hin!

»... wie die aussehen werden, wissen wir aber noch nicht«

Ist es sehr schwierig, etwas dagegen zu unternehmen?

B.: Als wir versucht haben, die Arbeiterkoordinationen auf die Beine zu stellen, haben wir zum Beispiel mitgekriegt, daß es da Leute gibt, die 80 Stunden in der Woche arbeiten und umgerechnet 600 Mark verdienen. Dazu kommt, daß von diesen Leuten eine Arbeitsleistung erpreßt wird, die doppelt so hoch ist wie in einem Großbetrieb.

A.: Da sich das immer mehr ausweitet, versuchen wir gerade, eine Koordination aufzubauen mit autonomen Arbeitern aus verschiedenen Betrieben zusammen mit den Arbeitslosen-Koordinationen. Zunächst wollen wir uns hauptsächlich mit den Kleinunternehmen beschäftigen, um zumindest mal mit den Überstunden Schluß zu machen. Allerdings ist das eine Welt, die wir nicht kennen, diese Welt der befristeten Arbeitsverträge, der Klitschen ist für die Arbeiterklasse deHeute ist es uns klar: Sie haben die Situation geschaffen, in der sie die Maschinen erneuern und den Eintritt in die EG vorbereiten konnten. Sobald Spanien in die EG eingetreten war, fingen sie an zu investieren, Roboter zu installieren, neue Technologien einzuführen usw.r Großbetriebe unbekannt. Vor ein paar Tagen kam ein Typ zu uns, der in so einem Unternehmen arbeitet; der malocht täglich zwölf Stunden, dafür kriegt er Grundlohn, die Überstunden werden erst einen Monat darauf bezahlt; wenn er Überstunden verweigert, wird er entlassen. Die Sekretärin im selben Betrieb wird gezwungen, ein Papier zu unterschreiben, wonach sie 60.000 Pesetas verdient (knapp 1000 Mark), in Wahrheit kriegt sie nur die Hälfte. Sie unterschreibt natürlich, weil sie keine andere Wahl hat. Das ist wilder Kapitalismus. Die Gewerkschaften erfahren das nicht, oder wollen es gar nicht erfahren. Die Arbeiter, die unter diesen Bedingungen arbeiten, haben sich noch nicht selbst organisiert, sie haben daher kein Instrument, um ihre Forderungen auszudrücken.

Die Voraussetzungen für den Kampf in den nächsten Jahren werden schwieriger. Sind die Kämpfe in Reinosa und Puerto Real Kämpfe, die über sich hinausweisen, oder bleiben die auf die lokale Situation begrenzt?

A.: Die Explosionen zum Beispiel in Sagunto oder Reinosa, sind eher Überlebenskämpfe ganzer Regionen. Diese Erfahrungen zeigen keinen neuen Weg. Die erzielen befristete Erfolge, gewinnen Schlachten, aber das sind keine Erfahrungen, die einen Weg eröffnen, und neue Formen der Organisation zustandebringen, die für den Rest der Klasse sind.

»Die Klasse ist nicht mehr die alte, die wir kennen«

B.: Ja, diese punktuelHeute ist es uns klar: Sie haben die Situation geschaffen, in der sie die Maschinen erneuern und den Eintritt in die EG vorbereiten konnten. Sobald Spanien in die EG eingetreten war, fingen sie an zu investieren, Roboter zu installieren, neue Technologien einzuführen usw.len Kämpfe – wenn es um allgemeingültige Ergebnisse geht, kommen die Wahlen und dann wählen sie alle rechts, also gerade die, die sie am meisten beschissen haben, wählen weiter rechts. Guck mal das Beispiel Euskalduna; denen haben sie damals gesagt, daß sie innerhalb von drei Jahren eine neue Beschäftigung finden würden; es hat tolle Kämpfe gegeben, aber jetzt sind die drei Jahre um und alle angeschissen. Trotz Umschulungsmaßnahmen usw. werden die nicht umgesetzt. Die Hälfte ist jetzt rausgeschmissen, hat keinen Job. Und über diese Spaltung werden die Kämpfe geschwächt.

A.: Aus unseren Erfahrungen und Kämpfen im Betrieb ergeben sich einige Überlegungen. Vor allen Dingen brauchen wir neue Werte im Arbeiterbewußtsein. Und diese Werte können wir nicht improvisieren, die sind nicht durch die momentane Wut zu ersetzen. Das ist ein Entwicklungsprozeß. Andererseits müssen wir neue Organisationsformen zustandebringen, die überlieferten Gewerkschaften sind unnütz. Aber die neuen Formen gibt es noch nicht, wir wissen auch noch nicht, wie die aussehen werden. Die Arbeiterklasse weiß nicht, wohin sie gehen soll. Es gibt defensive Kämpfe, aber wir wissen nicht, wo die hin gehen. Da spielt die Arbeitslosigkeit eine Rolle, die neuen Technologien, die Arbeitslosigkeit wird weiter steigen, das ist eine Tatsache, die neuen Technologien entwickeln sich mit rasender Geschwindigkeit und die Arbeiter können keine Alternativen aufzeigen. Welche Forderung müssen wir aufstellen, sie müssen ja wohl politisch sein, die traditionellen nach dem Motto 8-Stunden-Tag, ein Arbeitsplatz für jeden usw. gehen nicht mehr. Die Alternative ist noch offen, wir müssen sie suchen, aber das ist schwer. Bisher leisten wir nur Widerstand. Die Klassenzusammensetzung ändert sich radikal. Die Klasse ist nicht mehr die alte, die wir kennen. Die Technologien ändern das Bewußtsein und die Arbeitsbedingungen der Leute. Es gibt einen tiefgreifenden Wandel. Manche behaupten, daß die neuen Technologien den Mensch von der Arbeit befreien, und versprechen uns eine große Zukunft, wo wir nur noch Gedichte schreiben, die Maschinen werden ja alles machen – was machen die Arbeiter angesichts dieser Zukunft? Sollen wir weiterhin glauben, daß die Arbeit der Grundwert des Menschen ist, was geht los im Bewußtsein der Arbeiter?
Alle diese Widersprüche gHeute ist es uns klar: Sie haben die Situation geschaffen, in der sie die Maschinen erneuern und den Eintritt in die EG vorbereiten konnten. Sobald Spanien in die EG eingetreten war, fingen sie an zu investieren, Roboter zu installieren, neue Technologien einzuführen usw.ehören zusammen: auf der einen Seite sind Arbeiter überflüssig, auf der anderen Seite ersetzen die Menschen die Maschinen. Dazu kommt, daß die Arbeitsbedingungen von Menschen immer verheerender und primitiver werden, die entwickeln sich zurück. Aber diese Widersprüche stehen in den Köpfen der Menschen. Wie lösen wir sie? Oft sind die Arbeiter davon gelähmt und wissen nicht, was sie machen sollen. Vor 50 Jahren hatte die Arbeiterklasse klare Parolen, wohin sie gehen wollte. Heute nicht. Da ist noch viel Arbeit zu machen, auch theoretische. Ja natürlich, theoretisch und praktisch, im täglichen Kampf.



»Ich wachte auf bei einem Streik ...«

Die Geschichte von Jesús Naves

Ich war Priester in Asturien, bin aufgewachsen in der katholischen Arbeiterbewegung. Ich wachte auf 1962 bei einem Streik, der in Gijon begann und sich aufs Baskenland und Katalonien ausdehnte. Dieser Kampf erstreckte sich über mehrere Monate. Damals wurde der Ausnahmezustand erklärt und alles militarisiert. Viele wurden festgenommen, gefoltert, deportiert. Franco verbannte die Arbeiterführer in andere Landesteile. Es gab damals keine selbständige Organisation der Arbeiter, so kanalisierte sich vieles über die Kirche. Weil wir auch den Streik unterstützt hatten, wurden wir in ein Berggebiet unter Bären und Wildschweine verbannt. Dort gab es keine Menschen, die jungen Leute waren nach Deutschland oder in die Schweiz ausgewandert, es waren die Jahre '62/63. Das löste bei mir eine Krise aus, und ich emigrierte nach Argentinien. Ich gab das Priesteramt auf und begann in der argentinischen Arbeiterbewegung zu arbeiten. Dort arbeitete ich in einem Haufen Unternehmen.In den Betrieben machte ich sehr gute Erfahrungen, das ging so weit, daß ich vergaß, daß ich Spanier war, ich mied die Emigranten-Kolonien, ich hab nie das spanische Zentrum betreten. Mich interessierten nur die Probleme in Argentinien. Ich hab mich regelmäßig in den Betriebskomitees engagiert und wurde öfters als Delegierter gewählt.

Die erste wichtige Erfahrung dort war die Entdeckung der disziplinierten Arbeiterbewegung. Da wurde ein Streiktag ausgerufen und das Land stand still. Auch wenn einige nicht damit einverstanden waren, das wurde eben befolgt. Und die Arbeiterklasse freute sich, wenn einer dieser Mafiosi-Arbeiterführer getötet wurde, und befolgte gleichzeitig die Aufrufe zu Proteststreiks, die die großen Gewerkschaften mit den bekannten Verrätern an der Spitze proklamierten. Ich wurde aus fünf oder sechs Betrieben entlassen, aber die Stadt war groß, und es gab noch keine Informatik, ich fand immer wieder einen Job. Damals entwickelten sich in Argentinien sehr massiv die Gewerkschaften, vor allem die (peronistische) CGT. 1968 wurde ich aus dem Land ausgewiesen und landete im Mai '68 in Paris.

Dann war ich ein zweites Mal in Argentinien, von 1971 bis Ende 73. Es war die Zeit der Bewegung und der bewaffneten Gruppen. In der peronistischen Bewegung gab es interne Kämpfe: die bewaffneten und die Jugendorganisationen gegen die Gewerkschaftsbürokratie ‐ letztere unterstützte später den Militärputsch. In den Jahren war ich in einer bewaffneten Gruppe. Ich arbeitete oft in Klitschen, um eine Deckung zu haben. Ich widmete mich anderen als gewerkschaftlichen Aufgaben. Das war eine völlig andere Erfahrung.

Damals erlebte ich auch die ganze Bürokratie, Arbeiterführer, die völlige Verräter waren, echte Gangster. Ich habe mitbekommen, wie die bewaffneten Gruppen später gerade diese bürokratischen Führungen eliminierten. Der erste war ein bekannter Führer in der Textilindustrie, Augusto Bandor, ein furchtbarer Gangster. Ein anderer war der Generalsekretär der CGT, ein sogenannter Roca, der wurde von den Montoneros am 25.9.73 getötet, obwohl er permanent seinen Wohnsitz gewechselt und von elf Bodyguards begleitet worden war. Ein dritter war Führer in der Bauindustrie; der hatte sich nach Uruguay abgesetzt und wohnte dort im sechsten Stock mit mehreren Bodyguards, hatte mehrere Autos und einen Aufzug im Haus, wo er mit dem Auto bis in den sechsten Stock fahren konnte. Das war Bürokratie! Ich hab viel davon gelernt, auch was Syndikalismus ist.

In diese Zeit fällt die dritte Rückkehr des Peronismus <1973>, das Militär gab die Macht ab, es kam überall zu Betriebsbesetzungen. Mein Betrieb war der erste, der eine Besetzung organisierte. Das griff dann um sich. Nach der Fabrikbesetzung, die acht Tage dauerte, wurden wir alle, die gesamte Betriebskommission, rausgeschmissen, das waren 28 Arbeiter. Und die Werksleitung ließ sich fortwährend beraten von der peronistischen Gewerkschaftsspitze, in den Fragen, wie sie uns rausschmeißen könnte. Darin hatten die Gewerkschaftsbonzen viel Erfahrung. Die Peronisten wollten alle anderen politischen Strömungen raussäubern. Sie machten das so, daß sie zusammen mit uns den Teil von Arbeitern aus der Fabrik rausschmissen, die verhaßt waren, die an keiner Sache richtig mitmachten, die immer mehrere Tage fehlten, die von einer Fabrik zur nächsten rumzogen.

Wir haben dann Versammlungen abgehalten, Vollversammlungen in der Fabrik: die Peronisten konnten nicht behaupten, daß wir Sektierer wären. Schließlich mußten sie uns alle wiedereinstellen und uns im Nachhinein alle Tage bezahlen, aufgrund des Drucks der Betriebsversammlungen. Zu der Zeit begann es, daß uns dann die Gewerkschaftsbürokraten bedrohten. Es begann die Zeit der Repression. Wir mußten alle bewaffnet auf die Versammlungen gehen, sie wollten uns nicht reden lassen, sie bedrohten uns ständig, sie verfolgten uns auf unseren Wegen mit ihren Autos. Viele wurden auf ihrem Nachhauseweg von ihren Todeskommandos abgeknallt, mit der MP. Es fing an mit den "desaparecidos", den Entführungen und Ermordungen durch die Todesschwadrone. In der letzten Fabrik, in der ich gearbeitet habe, waren wir 400 vor allem junge Arbeiter – so viel sympathische Leute – , da gab es dann mehr als 20 "desaparecidos"(Entführung und anschließende Ermordung durch Todesschwadrone); viele Arbeiter sind geflohen, die habe ich dann in Barcelona oder in Madrid wiedergesehen, andere sind in die Schweiz emigriert oder sonstwohin, und einige sind noch immer in Argentinien im Knast.

Als ich nach Spanien zurückkam, hatte das auch mit meinem Verhältnis zu der argentinischen bewaffneten Gruppen und zum Peronismus insgesamt etwas zu tun. Das war für mich eine Auseinandersetzung mit der Ideologie des Peronismus. Also wenn wir eine Menge infrage stellten, z.B. Aktionen der bewaffneten Gruppe, die im Namen des Peronismus und Perons gemacht wurden, dann war die Reaktion meist so, daß sie sagten, du bist ja kein Argentinier, du kannst das nicht verstehen, du bist Europäer und hast eine andere Denkweise. Und in bestimmten Dingen stimmte das sicher auch. Aber ich hatte da auf der anderen Seite diese Erfahrungen in den Fabriken gemacht....

1975 bin ich nach Spanien zurückgekehrt. Da hatte ich also gerade ein Jahr gearbeitet, als die Streiks 1976 ausbrachen. Für mich war sehr wichtig, daß ich in Argentinien die ganze Gewerkschaftsbürokratie kennengelernt hatte, daß jene Sorte von Gewerkschaften eine Manipulation war. Das war der Moment, wo in Spanien die vertikalen Gewerkschaften abbruchreif waren. Darum drehte sich das ganze politisch, es ging um neue politische Organisationsformen. Dazu kamen Forderungen wie: 5000 Pesetas mehr für alle. Nun, ich hatte diese Erfahrungen, und ich hab die in Vitoria eingebracht. Ich strebte damals die gleiche Organisationsform an wie heute, aber meine Erfahrungen waren andere als die meiner Kollegen. Ich hätte am liebsten einen Sprung von der Diktatur in die autonome Organisierung gemacht über die überlieferten Gewerkschaftsformen hinweg. Daß das nicht ging, war eine bittere Erfahrung für mich, aber jeder muß seine Erfahrung machen.

 
 
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